Rektusdiastase nach der Geburt: Übungen, die wirklich helfen
- Viola Beyer

- vor 2 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Tagen
Die Rektusdiastase ist eines der am häufigsten gegoogelten Wörter unter Müttern – und gleichzeitig eines der am häufigsten missverstandenen.

Manche Frauen erhalten die Diagnose von ihrer Hebamme oder im Rückbildungskurs mit einem leichten Erschrecken. Andere erfahren erst Monate nach der Geburt davon, weil der Bauch „irgendwie nicht zurückgeht”. Wieder andere lesen im Internet dramatische Geschichten von Operationen, kaputten Bauchdecken und „nie wieder Sport”.
Die gute Nachricht zuerst: Eine Rektusdiastase ist nach einer Schwangerschaft physiologisch und normal. Studien belegen, dass knapp 70 % der Schwangeren im dritten Trimester eine Rektusdiastase haben (was logisch ist, da das Baby Platz braucht). Eine Rektusdiastase ist kein Defekt, sondern eine sinnvolle Anpassung deines Körpers an das wachsende Baby. In den allermeisten Fällen ist sie trainierbar – wenn man weiß, wie.
In diesem Beitrag erhältst du eine fundierte Übersicht: Was ist eine Rektusdiastase, wann stellt sie ein Problem dar und welche Übungen sind sinnvoll – und welche kannst du getrost weglassen?
Was ist eine Rektusdiastase?
Die geraden Bauchmuskeln (Musculus rectus abdominis) verlaufen links und rechts der Mittellinie deines Bauches. Verbunden sind sie durch die Linea Alba, einen bindegewebigen Streifen, der wie ein natürlicher Reißverschluss in der Mitte sitzt.
Man spricht von einer Rektusdiastase, wenn der Abstand der geraden Bauchmuskeln mehr als 3,5 cm beträgt (wobei es hier keinen „goldenen Standard” gibt und einige bereits bei einem Abstand von 2,8 cm von einer Rektusdiastase sprechen).
Wichtig ist, dass der Abstand in der Entspannung getastet wird und NICHT WÄHREND der Anspannung (häufig wird dies beim Crunch/Anheben des Oberkörpers getastet).
Während der Schwangerschaft passiert Folgendes:
Die Gebärmutter wächst und drückt die Bauchorgane nach oben Richtung Zwerchfell – die Bauchwand muss nach vorne nachgeben.
Hormone (u. a. Relaxin, Östrogen, Progesteron) und die mechanische Dehnung machen das Bindegewebe weicher und nachgiebiger.
Die Linea Alba muss nachgeben, damit dein Baby Platz hat.
Das Ergebnis: Der Abstand zwischen den geraden Bauchmuskeln vergrößert sich (hier im Bild rot eingezeichnet ⬇️). Das ist keine Verletzung, sondern ein biologischer Prozess.

Nach der Geburt zieht sich die Linea Alba bei den meisten Frauen innerhalb der ersten ersten Monate wieder zusammen (spätestens nach dem Abstillen und nach Einsetzen des Zyklus sollte sie wieder etwas fester werden).
Bei manchen dauert es länger. Bei manchen bleibt ein Spalt zurück.
Wann ist eine Rektusdiastase nach der Geburt ein „Problem"?
Wichtig vorweg: Nicht jede Rektusdiastase ist pathologisch.
Die reine Breite des Spalts, gemessen in Fingerbreit oder Zentimetern, sagt erstaunlich wenig darüber aus, ob du Beschwerden haben wirst. Viel relevanter ist die Funktionalität deiner Bauchdecke: Kann sie unter Belastung Spannung aufbauen? Kann sie den Bauchraum stabilisieren? Arbeitet sie mit dem Beckenboden, dem Zwerchfell und der Rückenmuskulatur zusammen?
Eine Rektusdiastase wird dann zum Problem, wenn die Bauchdecke unter Belastung nicht richtig funktioniert und der Druck im Bauchraum nicht gehalten werden kann (intraabdomineller Druck). Dies führt zu Kompensationsmechanismen im Körper (z. B. mehr Druck im Rücken oder im Beckenboden) und die Bauchdecke ist dann nicht mehr funktionell. Das ist das eigentliche Problem, nicht der Spalt per se.
Dies kann zu folgenden Beschwerden führen bzw. diese Verschlimmern:
Schwierigkeiten und Schmerzen beim Heben, Tragen oder Aufstehen,
Rückenschmerzen,
Beckenbodensymptome (Druck, Inkontinenz, Senkungsbeschwerden),
Instabilität in der Körpermitte.
Viele Betroffene beschreiben, dass sie auch lange nach ihrer Geburt "schwanger" aussehen.
Ist die Bauchdecke dagegen funktionell, also kraftvoll, koordiniert und schmerzfrei, dann ist auch ein etwas größerer Spalt selten ein medizinisches Problem.
6 Anzeichen, dass deine Bauchdecke gezielte Unterstützung braucht
1. Sichtbares „Aufploppen” oder "Einsacken" entlang der Mittellinie
Beim Aufstehen aus dem Liegen, beim Husten oder beim Anspannen wölbt sich ein länglicher Hügel nach oben/ist ein tiefer Spalt zwischen den Bauchmuskeln zu sehen.
2. „Hängender” oder weicher Bauch trotz Rückbildung
Auch Monate nach der Geburt fühlt sich die Bauchdecke schlaff an, der Druck nach innen fehlt.
3. Rückenschmerzen, besonders im unteren Rücken
Die Bauchmuskulatur ist Teil der tiefen Stabilisation. Fehlt diese, übernimmt der Rücken – und meldet sich.
4. Beckenbodenbeschwerden
Inkontinenz, Druck nach unten oder ein Senkungsgefühl gehen sehr oft mit einer dysfunktionalen Bauchdecke einher. Die beiden Systeme arbeiten zusammen.
5. Unsicherheit beim Sport
Du traust dich nicht an Planks, Sit-ups oder schwere Gewichte heran – oder spürst direkt, dass „etwas nicht stimmt”.
6. Verdauungs- und Haltungsthemen
Eine schwache Bauchdecke kann sich auf die Atmung, die Haltung und sogar auf die Verdauung auswirken.

Was du dir nicht einreden solltest
Crunches und Sit-Ups sind für immer tabu. Nein – das pauschale Verbot ist überholt. Aktuelle Forschung (Gluppe et al. 2023) zeigt sogar, dass früh begonnenes, angeleitetes Bauchmuskeltraining nach unkomplizierter vaginaler Geburt die Rektusdiastase stärker reduziert als reines Transversus-Training. Laut Coldron et al. (2008) erreicht die spontane Rückbildung des Inter-Recti-Abstands nach ca. 8 Wochen ein Plateau – danach passiert ohne aktives Training kaum noch etwas. Liaw et al. (2011) zeigen ergänzend, dass die Bauchdecke auch 6 Monate nach der Geburt ohne gezielte Intervention nicht auf die Ausgangswerte zurückkehrt.
Mein Bauch wird nie wieder. Doch – auch 12+ Monate nach der Geburt sind deutliche Veränderungen möglich.
Was du nicht tun solltest
Im Netz kursieren viele gut gemeinte, aber wenig hilfreiche Tipps. Diese Dinge bringen dich bei einer Rektusdiastase in der Regel nicht weiter – und können sie (und die Begleitsymptome) sogar verschlechtern:
Panik vor jeder Bewegung ist unbegründet, denn Schonung ist kein Heilmittel – funktionelles Training hingegen schon.
Bauchgürtel als Dauerlösung: Sie können kurzfristig unterstützen, ersetzen aber kein Training.
Pressatmung beim Heben: Wer die Luft anhält und presst, treibt den Druck genau dorthin, wo das Bindegewebe gerade nachgibt.
Wichtig ist, auf den Körper zu hören. Starte immer kontrolliert, beginne mit einer Wiederholung und höre auf deinen Körper. Gib ihm Zeit. Erst wenn du keine Schmerzen oder andere Symptome verspürst, solltest du das Training langsam steigern. Also bitte nicht mit einem 30-minütigen Bauch-Workout starten, das wird bei einem instabilen Core inklusive Beckenboden nach hinten losgehen.
Was deiner Bauchdecke wirklich hilft
Eine Rektusdiastase verschwindet nicht durch ein paar Übungen aus dem Internet. Sie braucht ein systematisches, progressives Training, das die gesamte Rumpfmuskulatur und vor allem die Verbindung Beckenboden – Zwerchfell – tiefe Bauchmuskulatur (Transversus abdominis) anspricht.
Konkret heißt das:
- Atmung neu lernen: Die 360°-Atmung (Bauch, Flanken und unterer Rücken weiten sich beim Einatmen) ist die Basis jeder guten Rumpfarbeit.
- Die tiefe Bauchmuskulatur ansteuern: Der Transversus abdominis ist dein natürliches Korsett – wenn er funktioniert, übernimmt er einen großen Teil der Stabilisation.
- Beckenboden und Rücken integrieren: Bauchdecke, Rücken und Beckenboden sind ein Team. Wer nur die Bauchmuskeln trainiert, ignoriert einen Großteil des Systems.
- Progression aufbauen: vom Liegen ins Sitzen, ins Stehen, in Bewegung, in den Sport.
- Funktionell denken: Dein Körper lebt nicht im Pilates-Studio – er hebt Babys, schiebt Kinderwagen und trägt Tragetaschen. Genau dafür sollte er trainiert werden.
Und ganz wichtig: Geduld, denn Muskelaufbau braucht Zeit.
Wann du dir professionelle Unterstützung holen solltest
Ein Selbsttest im Spiegel ist ein guter erster Anhaltspunkt. Eine fundierte Beurteilung ersetzt er jedoch nicht.
Hol dir gezielte Unterstützung, wenn:
du dir bei den Übungen unsicher bist,
der Bauch nach mehreren Monaten der Rückbildung nicht funktioneller wird,
Schmerzen oder Beckenbodensymptome dazukommen oder
du wieder ambitioniert Sport machen möchtest (Laufen, Krafttraining, HIIT) und sicher einsteigen willst.
ein Standard-Rückbildungskurs nicht ausgereicht hat.
Eine Beckenbodentrainerin kann eine medizinische Befundaufnahme durchführen. Ein qualifiziertes Beckenboden- und Rückbildungscoaching kann den Trainings- und Alltagsaufbau übernehmen. Idealerweise arbeiten beide zusammen.
In meinem miofit® 1:1 Premium-Beckenboden-Coaching in Düsseldorf und online arbeite ich auch gezielt mit Frauen mit Rektusdiastase – egal, ob sie gerade entbunden haben oder erst Jahre nach der Geburt feststellen, dass ihr Bauch nie richtig „zurückgekommen” ist.
Wir arbeiten an:
der individuellen Befundung deiner Bauchdecke und deines Beckenbodens,
der Ansteuerung deiner tiefen Stabilisation,
Aufbau deiner Bauch-, Rücken- und Beckenbodenmuskeln,
einem progressiven Aufbau statt isolierter Übungen und der Integration in deinen Alltag, deine Haltung und deinen Sport sowie
einem realistischen Bild davon, was möglich ist und was Zeit braucht.
Damit deine Bauchdecke dich nicht limitiert, sondern trägt.
Fazit
Eine Rektusdiastase ist keine Diagnose, vor der du Angst haben musst. Sie ist eine Information deines Körpers darüber, was er gerade braucht. Zeit, gezielte Ansteuerung und ein Training, das deinen Alltag mitdenkt.
Die Frage ist nicht „Wie breit ist mein Spalt?”, sondern „Wie funktionell ist meine Bauchdecke?”.
Wenn du das Gefühl hast, dass dein Bauch nach der Schwangerschaft mehr braucht als die Standardübungen aus dem Rückbildungskurs, ist es ein Hinweis darauf, dass dein Körper individuelle Unterstützung verdient.
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Quellen:
Chen, B., Zhao, X., & Hu, Y. (2023). Rehabilitations for maternal diastasis recti abdominis: An update on therapeutic directions. Heliyon, 9(10).
Coldron, Y., Stokes, M. J., Newham, D. J., & Cook, K. (2008). Postpartum characteristics of rectus abdominis on ultrasound imaging. Manual Therapy, 13(2), 112–121. https://doi.org/10.1016/j.math.2006.10.001
Liaw, L.-J., Hsu, M.-J., Liao, C.-F., Liu, M.-F., & Hsu, A.-T. (2011). The relationships between inter-recti distance measured by ultrasound imaging and abdominal muscle function in postpartum women: A 6-month follow-up study. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 41(6), 435–443. https://doi.org/10.2519/jospt.2011.3507
Und die Gluppe-Studie, die du auch zitierst, der Vollständigkeit halber in APA:
Gluppe, S., Engh, M. E., & Bø, K. (2023). Effectiveness of early postpartum rectus abdominis versus transversus abdominis training in patients with diastasis of the rectus abdominis muscles: A pilot randomized controlled trial. Journal of Women's & Pelvic Health Physical Therapy, 47(4), 222–232. https://doi.org/10.1097/JWH.0000000000000291



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